Madness and Practice
Liz Dawson & Lucy Teasdale
Axel Obiger
Brunnenstraße 29
10119 Berlin
Opening: 7 pm, 16 January 2026
Finissage: 6 pm, 7 Febuary 2026, with an artist talk starting at 6.30 pm
Exhibition opening hours: 3 – 7 pm, Thursday to Saturday and by appointment, 17 January – 7 February 2026

Madness and Practice
With Madness and Practice, painter Liz Dawson and sculptor Lucy Teasdale present new works that stage a quiet conflict between apparent intuition and rigorous construction. The title suggests a persistence that may register as futile or even obsessive, but is in fact an unflagging attentiveness to process, repetition, and control. Throughout the exhibition, surfaces and gestures promise immediacy while quietly betraying the labor and artifice beneath them. The works posit that this persistence is not a symptom of irrationality, but its inverse: practice – understood as sustained, almost ritualized work undertaken in pursuit of a particular kind of virtuosity.
The works are indeed that – virtuosic. Liz Dawson’s paintings and drawings initially present themselves as enigmatic systems: arrows that double back on themselves, looping gestures, directional marks that feel both instructional and opaque. They resemble notations without a clear key – somewhere between a poet’s marginalia and a dancer’s shorthand for movement. There is an apparent urgency to the mark-making, a sense of speed or immediacy. And yet this urgency is deceptive. What seems like a quick, expressive stroke often reveals itself, on closer inspection, to be painstakingly built from countless minuscule painted marks. The spontaneity is staged; the immediacy is manufactured. Dawson’s paintings operate through layered artifice, withholding information in order to draw the viewer in, only to confront them with an insistent specificity.
In Lucy Teasdale’s sculptures, vignettes of figures situated within constructed environments register as quickly made, caught mid-process, or held together precariously. Dripping, sagging, or splintered surfaces are rendered in playful, almost childlike colors, lending the works an initial lightness that suggests softness and reworkability. On closer inspection, however, this assumption gives way: what reads as malleable clay is in fact cast resin. Gestures that imply immediacy – impressions, folds, a tactility of touch – are fixed, their apparent openness resolved into permanence. As with Dawson’s paintings, movement, action, or narrative is proposed without being fully delivered. What is implied is never quite embodied.
Both artists work through a process of selecting something that resonates and committing to it fully. For Dawson, this might be a fragment of an image – often sourced from mass media – that begins to operate symbolically through repetition and directional marks. For Teasdale, it might be a photograph or a remembered scene: a pastoral image of a fisherman on a riverbank in England. These scenes carry with them the visual language of something given or authentic. Yet they are already mediated, already constructed – images shaped by history, projection, and expectation.
What emerges across both practices is a shared interest in fiction: not fiction as narrative, but as fabrication. Nature, spontaneity, intuition, even madness appear here not as raw states, but as carefully constructed propositions. At a moment when distinctions between authenticity and simulation are increasingly unstable, these works demand an engagement that isn’t about immediate verification or resolution, but rather about the pleasure of recognizing fiction at work. Meaning is neither given nor guaranteed. The work asks to be met halfway. Practice, here, extends beyond the studio and into the act of looking itself.
Text: Ilyn Wong
Madness and Practice (deutsche Übersetzung)
In der Ausstellung Madness and Practice führen uns die neuen Arbeiten von Malerin Liz Dawson und Bildhauerin Lucy Teasdale einen latenten Widerstreit zwischen vermeintlicher Intuition und entschiedener Konzeption vor Augen. Der Titel evoziert Vorstellungen von zweifelhaft obsessivem Arbeitsdrang, dem die Künstlerinnen im Atelier ergeben sein könnten, erzählt aber vielmehr von unermüdlicher Aufmerksamkeit und Bewusstsein für ihre schöpferischen Prozesse, die darin stetig erfolgenden Wiederholungen und die Kontrolle, die sie darüber wahren.
Oberflächen und Gesten der ausgestellten Werke signalisieren dem Auge zunächst Unmittelbarkeit und Spontaneität, indes jedoch offenbaren sie leise die darin ruhende Planmäßigkeit. Behauptet werden nicht Obsession und Beharrlichkeit als Symptom von Irrationalität, sondern ganz im Gegenteil als Übung im Sinne von nachhaltigem, nahezu ritualisiertem Schaffen im Streben nach einer bestimmten, gewandten Verfahrensweise. Und genau das vermitteln die Arbeiten: Methode und Gewandtheit.
Liz Dawsons Gemälde und Zeichnungen erscheinen uns zunächst als rätselhafte Systeme: Pfeile, die auf sich selbst zeigen, gestisch ausgeführte, schleifenartige Formen und Richtungsmarkierungen wirken wie Leseanleitungen, bleiben aber undurchsichtig. Sie erinnern an codierte Notationen, angesiedelt zwischen den Randnotizen einer Dichterin und den rasch skizzierten Schrittfolgen einer Tänzerin. Dieser Eindruck von unmittelbarer, geschwind erfolgter Setzung der Zeichen ist jedoch trügerisch. Ein vorgeblich schnell vollzogener, expressiver Strich entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Konstrukt, das aus zahllosen winzigen Farbspuren mühsam zusammengesetzt wurde. Dawson operiert in ihrer Malerei mit Schichtungen, ausgeführt mit Plan und Schliff. Also ist Spontaneität hier inszeniert, Unmittelbarkeit konstruiert. Die Künstlerin hält Informationen zunächst unter Verschluss, um Betrachtende zu locken und sie anschließend mit ihrer spezifischen Beharrlichkeit zu konfrontieren.
Die Figurenszenen in Lucy Teasdales Skulpturen, eingebettet in konstruierte Umgebungen, scheinen hastig gefertigt, mitten im Schaffensprozess stehengelassen und nicht stabil miteinander verbunden. Oberflächen hängen durch, sind gesplittert, gleichen tropfendem Wachs. Die Farbgebung mutet kindlich-naiv an. All dies verleiht den Arbeiten eine Leichtigkeit, die Weichheit und Formbarkeit suggeriert. Näher betrachtet aber stellt man fest, dass das Material nicht etwa formbarer Ton ist, sondern festes, gegossenes Kunstharz. Die in das Medium eingearbeiteten, Unmittelbarkeit unterstreichenden Gesten, Abdrücke und Faltungen als Präsenz taktiler Berührungen sind nicht mehr offen für weitere Eingriffe: sie sind fixiert und in Dauerhaftigkeit überführt worden. Wie in Dawsons Malerei wird das Versprechen von Bewegung, impulsivem Formen und Narration nicht restlos eingelöst. Impliziertes nimmt nie vollständig Gestalt an.
Beide Künstlerinnen entscheiden sich in ihrem Schaffensprozess für ein Sujet, das eine Resonanz in ihnen hervorruft und verpflichten sich diesem ohne Kompromisse. Für Dawson kann dies ein Bildfragment sein – häufig den Massenmedien entnommen -das durch Wiederholungen und Richtungsmarkierungen symbolischen Gehalt gewinnt. Für Teasdale mag es eine Fotografie oder eine erinnerte Situation sein, etwa die idyllische Szene eines Fischers an einem Flussufer in England. Solche Motive tragen zwar den Zauber des Vorgefundenen und Authentischen in sich, doch sind sie bereits vermittelt und einer Konzeption unterzogen worden – geformt durch Geschichte, Projektion und Erwartung.
Die Praktiken der Künstlerinnen zeugen von einem gemeinsamen Interesse an Fiktion – Fiktion nicht als Erzählung, sondern als Gestaltungsprozess. Natur, Spontaneität, Intuition und auch Wahnsinn manifestieren sich nicht in Form roher Beschaffenheit, sondern als sorgfältig konstruierte Setzungen. In einer Zeit, in der sich die Unterscheidung zwischen Authentizität und Simulation zunehmend auflöst, fordern die Werke von Dawson und Teasdale eine Auseinandersetzung ein, die nicht auf unmittelbare Bestätigung oder schnelle Auflösung aus ist, sondern auf das Vergnügen, die Fiktion im Schaffen zu entdecken. Bedeutung wird dabei weder mitgeliefert noch garantiert. Die Arbeiten verlangen, dass man ihnen auf halbem Wege entgegenkommt. Der Akt des Schöpfens gelangt mit den Kunstwerken in die Ausstellung und setzt sich dort beim Betrachten fort.
Text: Ilyn Wong
Übersetzung: Hans-Peter Stark